Dein Weltbild – medial fremdgesteuert?

Denkst du, Opfer von Gewalttaten sind meist jung und weiblich? Hältst du Sexualmorde für häufige Verbrechen? Dann hat die Medienrealität zugeschlagen!

„Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, davon war der Soziologe Niklas Luhmann überzeugt. Diese Aussage ist umstritten, zumindest in Teilen ist sie aber erschreckend oft wahr. Um herauszufinden, ob du in deinem Weltbild vielleicht mehr medial beeinflusst bist, als du denkst, frag dich, wie alt und welchen Geschlechtes die Opfer von Gewaltdelikten meist sind. Frag dich, wie viel Prozent aller Gewaltdelikte, die im Jahr passieren, Sexualmorde sind.

Verzerrung bei Gewalttaten
Medienwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Hestermann hat die Gewaltberichterstattung im Fernsehen untersucht und große Unterschiede zwischen Realität und Medienrealität belegt, die sich vielleicht auch in deinem Weltbild zeigen. Realistisch, also laut Polizeistatistik, sind zu sechzig Prozent Männer Opfer von Gewalt, während das typische Fernseh-Opfer jung und weiblich ist. Auch die Art der Verbrechen wird in der Fernseh-Realität arg verzerrt. Während in der Wirklichkeit Körperverletzungen mit 65,3 Prozent die häufigste Form von Gewalt sind, machen sie im Fernsehen nur 11 Prozent aus. „Vergleicht man die Wirklichkeit des Fernsehens mit den Statistiken der Polizei, wird deutlich: Das Fernsehen zeigt Gewalt vor allem dann, wenn sie tödlich und sexuell aufgeladen ist“, beschreibt Thomas Hestermann.

27.600facher Fokus auf Sexualmorde
So berichtete das Fernsehen 2012 über elf Sexualmorde gleich 68 mal. In der Realität machten diese 0,001 Prozent, in der Medienrealität aber 27,6 Prozent der Gewaltverbrechen aus. Befragte Journalisten bekennen offen, dass nicht Polizeistatistik sondern die Emotionalität Maßstab sind. Und das wohl nicht nur in der Gewaltberichterstattung. Folgen sind neben der verzerrten Wahrnehmung von Realität auch darauf basierende Handlungen, besonders wenn es um die Bestrafung des Täters geht, wie Thomas Hestermann beobachtet hat. „In dem Gefühl, dass das Gewaltverbrechen für ein Versagen der Staatsmacht stehe, breiten manche – unter ihrem vollen Namen – archaische Straffantasien aus. ‚So welchen Perverslingen sollte man ihr kostbares Stück abschneiden‘ heißt es dann auf Facebook.“ Und das passiert sofort und direkt – bevor feststeht, ob der Tatverdächtige schuldig ist.

Medien zeigen nicht den Alltag
Sind wir also komplett medial gesteuert? „Nein, ganz so drastisch ist es nicht“, sagt Thomas Hestermann. „Wir sind zwar durchaus Objekte, denn die Medien machen etwas mit uns, aber auch Subjekte, denn wir machen ja auch etwas mit ihnen!“ So sind wir frei in der Entscheidung, ob wir uns Sendungen zu Gemüte führen und auch darin, ob und wie wir das Gesehene reflektieren. Der erste Schritt dafür ist immer, überhaupt ein Bewusstsein für Medienwirkung zu haben. Dabei hilft es auch, sich klar zu machen, dass Medien generell eben nicht den Alltag, sondern das Besondere abbilden, in der Sammlung solcher Beiträge also notwendigerweise drastischer erscheinen, als die Realität.

In der eigenen Arbeit hält Thomas Hestermann sich daher an einen Merksatz: „Nichts glauben, aber alles für möglich halten!“

 

 

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