TV-Soaps: Vergeben sein ist alles, was zählt

Was TV-Soaps uns über Partnerschaft beibringen.

„Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage.“ Mit dieser Wendung, die den Moment im Märchen vollendet, in dem sich Mann und Frau gefunden und zusammengeschlossen haben, wachsen wir auf. Das ist ein über jahrtausende gewachsenes und unter anderem biblisch geprägtes Prinzip, das bei uns, trotz internen Wandels beispielsweise in Geschlechterfragen, erhalten bleibt.

Im Teenie-Alter geht es mit Romanen wie „Twilight“ weiter, die uns die Bedeutung vom Vergebensein und „den Traumpartner finden“ verdeutlichen. In Filmen und TV-Serien, insbesondere Soaps, ist Singlesein ein Zustand, den es zu vermeiden gilt. Das Leben funktioniert natürlicherweise so, dass einem ständig neue potenzielle Partner wie auf dem Silbertablett präsentiert werden. Und wenn das bei jemandem nicht so läuft, dann stimmt bei ihm was nicht.

RTL-Soaps: jeder mit jedem, Hauptsache, nicht allein

Marian und Lena aus „Alles was zählt“ waren seit 2011 verliebt, seit 2012 verheiratet, bis sie einander wechselseitig mit anderen Hauptdarstellern betrogen. Dramen und Krisen folgten, schließlich die Trennung. Danach stehen gleich die nächsten Geschlechtspartner parat, Lena schmust mit Marians Mitbewohner und er mit seiner neuen Kollegin, zwischendrin versuchen die Getrennten, sich einander wieder anzunähern. Als Lena irgendwann genug hat und beide von sich weist, schmunzeln ihre Serienfreundinnen über die von ihr verkündete „Männerpause“ und haken bei jeder sich bietenden Gelegenheit nach oder unternehmen Verkupplungsversuche. Keine zwanzig Minuten später läuft Lena zufällig in Patrick hinein, mit dem sie fortan anbändelt, während Marian eifersüchtig zuschaut.
Von den 19 Hauptfiguren der Soap sind nur vier Single und wie die Grafik zeigt, geht es bunt zu: munter wird zwischen den Figuren hin- und hergewechselt, jeder hat mal was mit jedem, es zählt nur, dass man nicht lange allein ist. Die Option „Single und glücklich“ gibt es quasi nicht.

ehe2Beziehung ist monogam

Auch das Format der Partnerschaft wird in den klassischen Soaps nicht variiert. Zwar halten innerhalb dieses Rahmens Geschichten über Homosexualität Einzug, aber das Prinzip der Monogamie wird nicht infrage gestellt. Dabei ist dies keineswegs allgemeingültig und gestaltet sich beispielsweise in afrikanisch-polygamen Gesellschaften völlig anders. Auch biologisch ist die Notwendigkeit der Monogamie umstritten, gibt es doch im Tierreich vielfältige Formen des polyamourösen Zusammenlebens.

Unsere Sehnsucht nach Zweisamkeit wird neben der biologischen Ebene und dem Familienfaktor gemeinhin mit dem menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit und Nähe erklärt, was einhergeht mit dem Vermeiden von Angst und Eifersucht. Viele vor allem spirituell Orientierte sehen in der Polyamourie daher die Lösung, sich  bewusst von Ego und Ängsten zu befreien. Inzwischen gibt es aber auch weiterführende Ansichten, zum Beispiel von Andrea und Veit Lindau, die Partnerschaft als eine bewusst einzugehende Verbindung zum Zwecke der gemeinsamen Enthüllung von unterbewussten psychischen Mustern und Projektionen und der Möglichkeit geistiger Evolution sehen – unter bewusstem und gerne geleistetem Verzicht auf mehrere Vergnügungspartner, damit man nicht flieht, wenn es ans Eingemachte geht.* Aber auch die Möglichkeit, solo und glücklich zu sein, soll es durchaus geben und sogar die Basis für eine stabile Beziehung sein, in der der andere nicht die Droge sondern das Sahnehäubchen auf einer ohnehin vorhandenen Zufriedenheit ist. Medial thematisiert werden diese Formate allerdings kaum – und schon gar nicht in Daily Soaps.
Da Serien gerade von Jugendlichen geschaut werden, sich entwickelnden Menschen also, die in dieser Phase sich von den Eltern abnabeln und neue Vorbilder und Ansichten suchen, kann davon ausgegangen werden, dass – wenn auch häufig nur unterbewusst – der Einfluss groß ist und sich die Herangehensweise an Partnerschaft auch deshalb kaum und nur schleichend verändert.

*Eine erweiterte Fassung dieses Beitrags, die sich auf die Sinnfrage von Beziehungen konzentriert, ist im Compassioner erschienen.

Beitragsbild: www.facebook.com/alleswaszaehlt

 

 

 

 

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