Von Eso-Spinnern und Spiri-Tanten

Was ist dein erster Gedanke, wenn du „Esoterik“ oder „Spiritualität“ hörst? In keinem Lebensbereich bin ich so vielen Urteilen und Vorurteilen begegnet. Und das sowohl innerhalb als auch außerhalb der entsprechenden Szene. Ein kleiner Einblick und Überblick.

Im Prinzip ist es wie mit der Waldorfschule. Warst du auf einer, wirst du überall gefragt, ob du deinen Namen tanzen kannst. Das muss man zwar prinzipiell mit ja beantworten, die Frage trifft aber weder den Kern dessen, worum es da geht, noch macht es einen bewegenden Teil der Waldorfpädagogik aus (hier habe ich vor vielen Jahren ausführlicher darüber geschrieben).

Genauso ist es mit den Esoterikern oder Spirituellen – für die meisten reine Spinner, die ihre Lebenszeit mit Räucherstäbchen, Engel-Orakeln und irgendwelchen Ritualen verschwenden und bunte Walla-Walla-Outfits tragen. Aber ähnlich wie jede Waldorfschule abgesehen von gewissen pädagogischen Grundprinzipien komplett verschieden von allen anderen ist, hat jeder, der sich mit Esoterik oder Spiritualität beschäftigt, seinen ganz eigenen Zugang dazu (und meist überhaupt nichts mit Goldamuletten, bestimmter Kleidung oder Engelkarten zu tun, zumindest nicht primär). Diese Vorannahmen finde ich daher immer befremdlich – und ein gutes Beispiel für das Thema Vorurteile im Allgemeinen. Aber sogar unter Menschen, die sich mit Spiritualität und Esoterik befassen, gibt es eine unfassbare Menge an gegenseitigen Urteilen und Vorurteilen, was dem Wesen der Spiritualität eigentlich komplett widerspricht. Und das finde ich umso befremdlicher.

Was ist denn Spiritualität überhaupt?

Spiritualität kommt heute dem am nächsten, was Religion ursprünglich war. Abgeleitet vom englischen Wort „sprit“ für „Geist“ geht es hier – fernab von einer bestimmten Religion oder Konfession – um die das Erleben verschiedenster geistiger Prinzipien. Es geht nicht um den Botschafter, nicht um eine bestimmte Person oder Institution, sondern um die Botschaft. So finden hier auch alle Religionen und spirituellen Lehren Einfluss, da sie im Kern gleich sind und lediglich in ihren Metaphern und Symbolen an den jeweiligen Kulturkreis angepasst sind. Ein spirituelles Grundlagenthema ist beispielsweise die Macht der eigenen Gedanken – oder der Unterschied zwischen Ego und dem eigentlichen „Ich“. Je nach Ausrichtung beschäftigen sich viele auch mit übersinnlichen Fragen und erkunden ihr Inneres, auf dem Weg in ein authentisches Selbst. Dabei liegt der Fokus immer auf dem eigenen Erleben und der Wahrheit und Weisheit, die man in sich selbst finden kann. Normalerweise brauchen spirituelle Menschen daher nicht zu missionieren. Sie leben es einfach, erfreuen sich ihres Daseins und haben es gar nicht nötig, Diskussionen zu führen, weil sie durch ihr Sein als Inspiration dienen und andere animieren, ebenfalls sie selbst zu sein. Auf ihre ganz eigene Weise. Zu den für mich glorreichsten Beispielen zählen hier Bahar Yilmaz und Patrick Kammerer.

Wie in jedem anderem Lebensbereich gibt es auch hier die Missionare, die meinen, die alleinige Wahrheit zu kennen und sie allen anderen erzählen und aufdrücken müssen. Die Kritik üben, urteilen und meinen, weiter als jemand anderes zu sein, der bestimmte Dinge einfach noch nicht verstanden hat – und damit alle Spiritualität in ihr Gegenteil verkehren. Denn diese geht davon aus, dass jeder seinen eigenen „Lebensplan“ hat und zum rechten Zeitpunkt mit genau den richtigen Dingen konfrontiert wird. Es gibt weiter diejenigen, die Dingen im Außen hinterherlaufen und sich dabei wahnsinnig spirituell vorkommen, nur weil diese äußeren Dinge einen spirituellen Namen tragen. Die den ganzen Tag von Licht und Liebe reden und vorgeben, keine Probleme mehr zu haben, seit sie „erleuchtet“ sind. Oder spirituelle Inhalte für Weltflucht nutzen. Auch das hat wenig mit Spiritualität zu tun, aber genau diese Leute treten mit ihr nach außen und daher kommt meiner Meinung nach auch der verquere Blick darauf. Denn die spirituellsten Menschen leben statt zu reden und sind dadurch nicht so leicht als spirituell kategorisierbar, weil sie das alles gar nicht betiteln müssen.

Spirituell oder esoterisch – ein bedeutender Unterschied

Und dann ist da noch die Vermischung von Spiritualität und Esoterik. Für viele ist das irgendwie das Gleiche, für andere sind die Spirituellen die Guten und die Esoteriker die Spinner – oder umgekehrt. Tatsächlich stehen beide Begriffe in enger Verbindung – grundlegend kann man sie als Theorie und Praxis bezeichnen. Esoterik ist ein in sich geschlossenes, tief logisches System der Erkenntnis und Urweisheit, dem aber ein ganz anderes Denken zugrunde liegt, als unserer heutigen klassischen Wissenschaft. Als erste Hinweise seien dazu die Hermetischen Gesetze, davon das bekannteste der Analogie „Wie oben so unten, wie innen so außen“ genannt. Esoterik liefert gewissermaßen die theoretischen Grundlagen für das Erleben in der Spiritualität. Der aufkommende Trend einer „Konsumesotherik“, wie Bruno Würtenberger es nennt, ist also erneut ein kompletter Widerspruch zu dem, worum es eigentlich geht.

Im Prinzip kann ich gar nicht mehr dazu schreiben, denn die Esoterik gilt nicht umsonst als „Geheimwissenschaft“. Ihre Erkenntnisse und Gesetze liegen für jeden offen da, aber der Weg darauf zu muss ein eigener sein und sie werden auch nur von demjenigen erkannt und aufgegriffen, der dafür bereit ist. So sind mir selbst in diesem Jahr immer mal wieder Begriffe aus den Hermetischen Gesetzen begegnet, woraufhin ich beschloss, mich näher damit zu beschäftigen. Wenige Wochen später fand ich im Regal meiner Eltern „zufällig“ ein Buch genau darüber. Es steht dort seit zehn Jahren und ich bediene mich oft an diesem Regal, aber jenes Buch fiel mir erst jetzt auf. Seitdem lerne ich die Urprinzipien kennen und nehme Stück für Stück die Welt und das Leben ganz anders wahr – und ergänze all das, was ich aus meinem Umgang mit Spiritualität schon erfahren konnte, auf einer philosophischen Ebene.

Wenn ich jetzt über Esoterik, die sich schon von der Wortbedeutung her auf das Innere bezieht, schreibe, bin ich im Außen. Und das wäre dann eigentlich Exoterik. Wenn meine Worte aber etwas in dir auslösen, du dich damit beschäftigst, es in ein inneres Gefühl geht und du dadurch neue Erfahrungen machst, geht es mit der Esoterik und Spiritualität los …😉

 

5 Kommentare

  • Schöner Text. Ich lese gerade ein Buch, welches sehr spannend ist. Vielleicht interessiert es dich. The Journey von Brandon Bays.

    • Sophia, da kriege ich ja Herzchen in den Augen! Wie schön, von dir zu lesen! Von dem Buch habe ich schon mal gehört, ich recherchiere da sofort nochmal 🙂 DANKE!

  • Merci für dein Brücken- Bauen und eine Sprache, die keine Übersetzung braucht oder Guru Ambition repräsentiert. with <3

  • Schön, dieses Thema einfach mal aus der Schlagwort – Ecke hervor zu ziehen und sachlich fachlich zu betrachten!
    Auch wenn man dies mit enorm vielen Begriffen machen könnte :
    Verständnis, Gott, Liebe, Vergebung, Wahrheit, Seele, uvm.
    Sich über Sprache wirklich zu verstehen ist schon eine Herausforderung, oder? 😉

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