Bahar Yilmaz: Internet und Spiritualität (Teil 2)

Spiritualität und Internet – das ist immer noch ein Gegensatzpaar, insbesondere in der eher medienkritischen spirituellen Szene. Die aufgeweckte Bahar Yilmaz liefert dazu ein paar überraschende Einblicke und findet: Technik ist ein spirituelles Schlüsselelement.

Nachdem Bahar in Teil 1 des Interviews schon viel über die spirituellen Aspekte des Internets gesprochen und die Zusammenhänge zwischen Angst vor dem Internet und eigenen Angstthemen verdeutlicht hat, geht es in Teil 2 um mögliche Gefahren, gesundheitliche Aspekte und das Phänomen der Hasskommentare…

4. Tägliche internetfreie Stunden sind wichtig!

Liebe Bahar, gibt es trotz deiner eben beschriebenen positiven Einstellung zum Internet auch Dinge, die du kritisch siehst?

Klar gibt es die. Erst einmal finde ich, dass überhaupt nichts dagegenspricht, wachsam und kritisch zu sein. Denn natürlich gibt es im Internet Fakes, Betrüger und Gefahren. So sind halt wir Menschen – wir haben immer die Wahl, ob wir unsere Werkzeuge positiv oder negativ nutzen. Das Negative liegt aber meiner Meinung nach nicht am Internet selbst.

Und was ist mit den viel thematisierten körperlichen Auswirkungen, zum Beispiel durch Elektrosmog und Strahlung?

Erst einmal ein ganz genereller Tipp von mir: Man sollte sich nicht zu viel mit Dingen beschäftigen, die man nicht in der Hand hat. Wenn man den ganzen Tag über Strahlungseinwirkungen, Chemtrails und Überwachung nachdenkt, zieht das Leben an einem vorbei und man trainiert seine eigene Ohnmacht. Du kannst dich den ganzen Tag wie ein Opfer fühlen und das bringt niemanden weiter. Das ist das Gegenteil von Schöpferbewusstsein.

Es gibt aber natürlich Dinge, die man ganz ohne Panik tun kann, um realistisch mit Technik und Internet umzugehen. Denn die Strahlungen und Signale sind tatsächlich für unser menschliches System langfristig und in dieser hohen Dosis nicht gut. Wenn ich viel an den technischen Geräten bin, löst das in mir schnell eine Überreizung aus. Ich kann nachts nicht schlafen und bin unruhig. Auch das Essverhalten kann sich verändern, denn wir verlieren an Erdung. Insbesondere das bläuliche Farbspektrum der Bildschirme kann Schlafstörungen und hormonelle Probleme verursachen.

Also doch Grund zur Besorgnis?

Da müssen wir einfach ein bisschen zu unseren eigenen Coaches werden. Ich habe das so gelöst, dass ich nach Möglichkeit ab 17 Uhr alle Geräte komplett ausschalte. Wenn das arbeitsbedingt nicht möglich ist, nutze ich eine Software, die das blaue Licht wegnimmt und den Bildschirm gelblicher macht, zum Beispiel f.lux. Dadurch hat sich einiges getan bei mir.

Außerdem sind bewusst eingeplante, internetfreie Zeiten für mich sehr wichtig und auch eine meiner Herzensempfehlungen an jeden da draußen. Nicht nur wegen der körperlichen Reaktionen, sondern auch, weil man sich bei unbewusster Nutzung im Internet verlieren kann. Dann verpasst man wirklich etwas vom Wesentlichen im Leben. Und für mich ist das Wesentliche, in einem ausgeglichenen Verhältnis von Geben und Nehmen zu sein, von Energie und Austausch. Natürlich kann dieser Austausch auch digital stattfinden, aber als Menschen brauchen wir auch die echte Verbindung. Berührungen. Direkten Augenkontakt. Darum mache ich meine Arbeit auch nicht nur online. Ich will es nicht. Ich will Menschen anfassen, umarmen, ihnen in die Augen blicken können. Das ist Nahrung für meine Seele.

5. Lass dich nicht von negativen Kommentaren greifen!

Online geht es ja manchmal ganz gegenteilig zu. In manchen deiner Videos gehst du sogar humorvoll im Vorhinein auf mögliche negative Kommentare ein. Nach dem Motto „ich weiß schon, was einige jetzt schreiben werden“. Wie schaffst du es, dich von sogenannten Hasskommentaren nicht unterkriegen zu lassen?

Oh, das ist sehr ein wichtiges Thema. Gerade im Bereich der Spiritualität hat man es nicht einfach. Man bekommt Gegenwind von den sehr rationalen Menschen, die alles als Schwachsinn verteufeln – aber noch mehr von den sehr Gläubigen, die sich angegriffen fühlen, wenn man erzählt, dass jeder Mensch Teil eines höheren Prinzips ist. Die verstehen dann, dass ich sage, es gibt keinen Gott. Aber sowas würde ich nie behaupten.

Generell kann ich mit Kritik wirklich super gut umgehen und freue mich sogar über konstruktiven Gegenwind. Aber wenn jemand mich bewusst verletzen möchte, ist das nicht okay. Das ist eine der Kehrseiten der digitalen Welt – dass jeder Depp sich hinter dem PC sicher fühlt und andere niedermachen kann. Nur weil er selbst mit sich nicht zufrieden ist. Das sorgt für ein gewisses Machtgefühl, da in dem Moment die Emotionen von anderen kontrolliert werden können. Man kann jemanden verletzen. Es ist eine Tragödie, dass so viele Menschen nicht an die Öffentlichkeit gehen und sich nicht zeigen, weil sie genau davor Angst haben.

Das hast du ja selbst auch sehr schmerzhaft erfahren…

Ja, das war vor drei Jahren. Ich war wirklich kurz davor, mit allem aufzuhören und zurück in meinen alten Job zu gehen, weil mir das alles so wehgetan hat. Das waren ganz furchtbare, unter anderem auch sexistische Kommentare. Es war so schlimm, dass ich krank wurde – und das passiert fast nie. Mein ganzes System hat rebelliert. Und dann habe ich am tiefsten Punkt die Entscheidung getroffen, dass ich nie wieder irgendjemandem die Macht gebe, derart in mein System einzugreifen.

Wie schaffst du denn diesen inneren Umschwung? Und wieso gibt es Menschen, die sich von dir bedroht fühlen, wie du es mal selbst gesagt hast? Denn wer dich kennt, kommt nicht umhin, schmunzelnd zu fragen: wie soll das denn gehen?

(Lacht) Das verstehe ich auch nicht. Ich habe aber mittlerweile ein Muster entdeckt, wer da solche negativen Kommentare abgibt. Bei mir sind das meistens Männer – oder Frauen, die mit ihrer eigenen weiblichen Kraft noch nicht umgehen können. Ich bin sehr straight und sage geradeheraus meine Meinung in meinen Videos. Männer, die in ihrer Männlichkeit nicht so verankert sind, haben dann vielleicht das Gefühl, dass ich mich als Frau über sie stellen möchte. Das ist der Filter, durch die sie ihre Welt sehen. Der hat aber nichts mit mir zu tun. Mittlerweile habe ich meinen Frieden damit geschlossen, weil ich den Schmerz der Menschen sehe. Ich frage mich dann immer: Habe ich schonmal jemanden aus meinem Schmerz heraus verletzt? Und das habe ich mit Sicherheit. Dann kann ich loslassen. Abgesehen davon hilft es auch, diese Kommentare einfach nicht zu lesen.

6. Authentizität ist ein Boost für deine Internetpräsenz

Und seitdem bist du quasi unaufhaltsam, zeigst dich mit allem, was dich ausmacht und bist sogar überzeugt, dass 90 Prozent deines Erfolges auf dem Internet basieren. Warum ist es dir so wichtig, auch von deinem Schmerz etwas zu teilen?

Wenn du authentisch bist, ist das ein Boost für deine Internetpräsenz. Meine Podcastfolgen, in denen ich von meinem Schmerz erzähle und offenbare, dass ich ein Mensch mit Fehlern und Problemen bin, wie jeder andere, haben die meisten Klicks. Weil es menschlich ist. Wenn ich mich so zeige, berührt das die Zuschauer ganz tief. Auch mich selbst berührt es immer sehr, andere in ihrer Ganzheit zu sehen. Ich möchte doch wissen und fühlen, was Menschen berührt, womit sie kämpfen, woran sie glauben. Das ist echt. Das ist Augenhöhe. Dieses Getue von heiler Welt und Licht und Liebe kann eh niemand mehr hören.

7. Das Kollektiv braucht dich!

Würdest du also jedem Menschen empfehlen, ein Internetstar zu werden?

Ich glaube, dass es extrem wichtig ist – egal ob du spirituell bist oder nicht – dass wir uns bewusst machen, dass jeder einzelne wichtig ist. Und im Internet kann sich jeder zeigen und seine Position einnehmen. Das stelle ich mir wie ein perfektes Mosaik mit ganz vielen Aspekten vor. Wenn ein Stückchen fehlt, ist es nicht komplett. Wir brauchen jeden einzelnen Menschen, der daran glaubt, dass wir etwas verändern können.
Das bedeutet überhaupt nicht, dass jeder Youtube-Star werden oder 10.000 Follower haben muss. Es kann sein, dass du einen einzigen Menschen online berührst und ihn dazu inspirierst, an sich zu glauben. Dann hast du deinen Job erledigt, dann ist das Mosaikstückchen am richtigen Ort. Mir ist einfach nur wichtig, dass wir alle aus unserer dunklen Ecke von Selbstzweifeln und Angst herauskommen. Es geht nämlich gar nicht nur um uns, sondern um die Welt und um das Kollektiv. Und jeder ist in diesem Prozess wichtig. Jeder. Die Verbindung zwischen Spirit und Technologie kann ein Schlüsselelement sein, um unsere Erde im Endeffekt wirklich zu retten. Davon bin ich überzeugt.

Tausend Dank, liebe Bahar, für dieses intensive und ausführliche Gespräch! 

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.