Warum ich mein Ego feiere

Das böse Ego – in der spirituellen Szene der Endgegner. Egofreiheit gilt als oberstes Ziel, steht für paradiesische Seinszustände und das Ende aller Probleme. Ich sehe das allerdings anders…

„Du musst einfach nur sein“, „das ist nur dein Ego, das gerade Angst hat“, „wenn du das so machst, bist du noch im Ego und nicht in der Liebe“. Sätze wie diese kennt wohl jeder, der mit Spiritualität und Persönlichkeitsentwicklung zu tun hat.

Denn dort ist der liebste Feind das Ego. Aus der Psychologie kennt man es auch als „Über-Ich“ oder den „inneren Richter“ – und es geht um all das, wovon wir denken, dass es uns ausmacht. Eine Art falsches Selbstbild, denn es bezieht sich immer auf Dinge im Außen. Leistung, Karriere, Besitz, Aussehen – und die vermeintlichen Anforderungen, die andere angeblich an uns stellen. Das wichtigste Werkzeug des Egos ist der Verstand, ist das Denken. Alles, was uns in den Sinn kommt, wenn wir unsere Komfortzone verlassen wollen und uns davor warnt. Die Stimme in uns, die nörgelt, meckert, Dinge bewertet und vergleicht – kurzum eine höchst nervige Instanz.

Ich zum Beispiel hatte früher ein starkes Ego-Problem was schulische Leistungen anbelangte (an dieser Stelle ein herzlicher Gruß an meine alten Klassenkameraden, die das oft angestrengt hat). Das ging so weit, dass ich über eine 1 minus kreuzunglücklich war, so sehr dachte ich, dass das etwas über mich aussagt und dass „gute Leistungen“ mich definieren. Ich hatte das Gefühl, wenn ich das nicht bringe, gibt es gar nichts mehr, was mich ausmacht und andere denken die schlimmsten Dinge über mich. Was für ein unfassbarer Irrtum, denn eigentlich ist es genau umgekehrt: es machen mich tausend andere Dinge aus, nur nicht Noten in der Schule und der Uni.

Aber auch das Bedürfnis, andere zu belehren, zu missionieren oder die Überzeugung, etwas besser zu wissen als das Gegenüber, ist Ego pur. Und damit: willkommen in der spirituellen Szene.

Spirituelles Ego – ein gemeiner Fallstrick

Spirituell gesehen geht die Betrachtung des Egos noch etwas weiter und bezieht sich auch auf die Wahrnehmung, dass man getrennt von anderen ist, ein Individuum im eigenen Körper, das sich mit seinen eigenen Sinneswahrnehmungen identifiziert. Dahinter steht die spirituelle Erkenntnis, dass letzten Endes alles miteinander verbunden ist und wir als Seelen aus der Einheit kommen, es diese Trennung also eigentlich gar nicht gibt. Lediglich auf der Erde, die von Dualität geprägt ist, erleben wir sie, um bestimmte Dinge zu erfahren. So wird der Sündenfall Adams und Evas als Schritt in die Dualität und das Getrenntheits-Bewusstsein interpretiert. Aber darauf gehe ich vielleicht an anderer Stelle näher ein.

Nicht verwunderlich ist es jedenfalls, dass sowohl Psychologen als auch Persönlichkeitsentwickler und Spirituelle im Ego die Quelle allen Leides sehen und das ist auch prinzipiell gar nicht so falsch. Einfachste Übungen, mit denen man ihm auf die Schliche kommt, ist die Beobachtung der eigenen Gedanken (Meditation). Dadurch lernt man erkennen, wo erlernte Glaubenssätze zu Hemmnissen werden, wo man sich mit dem Ego selbst im Wege steht. Das kann super klappen und ganz neue Denk-, Verhaltens- und Lebensräume eröffnen. Soweit so gut.

Mich stört aber massiv, wie in diesen Szenen mit dem Ego-Thema umgegangen wird.

Mit Sätzen wie denen, die ich am Anfang genannt habe, entwickelt sich nämlich im extremeren Fall ein neues, spirituelles Ego. Es ist edler, weiser, besonnener, jedoch genau so dogmenbehaftet und wertend. Es trägt jetzt ein spirituelles Gewand und wertet alles ab, was eventuell mit dem Ego zu tun haben könnte oder wo man bei anderen erkennt, dass sie noch „nicht so weit sind“, nicht so entwickelt, nicht so bewusst, noch nicht so im reinen Sein und blablabla. Der spirituelle Mensch, der beweisen möchte, wie spirituell er ist – auch das ist  nur eine neue Ausprägung des Egos.

Das Ego lebe hoch!

Darum habe ich mich schon vor längerer Zeit entschlossen, mein Ego erst einmal zu feiern. Denn erstens macht sich alles, was man zwanghaft wegbekommen möchte, nur noch stärker bemerkbar. Das wissen eigentlich auch die Super-Spirituellen. Zweitens ist das Ego zuallererst etwas, das mich schützen möchte. Vor Gefahren, vor sich wiederholenden Enttäuschungen. Darum warnt es mich – und das manchmal völlig zu recht. Drittens bin ich der Ansicht, dass es einen Sinn hat, dass wir Menschen sind und ein Ego haben und hinterfrage ausdrücklich das Endziel, es weghaben zu wollen. Stattdessen genieße ich einfach den immer bewussteren Umgang damit.

Die größten Erkenntnisse und die wichtigsten Erfahrungen mache ich nämlich genau dann, wenn ich das, was ich früher abgewertet oder nicht akzeptiert hätte, mit Interesse betrachte und als gleichwertig annehme. Dazu gehört zum Beispiel das Uni-Leben, das ich früher schrecklich einseitig und oberflächlich fand. In diesen Situationen, in der tiefsten Materie, im puren irdischen Alltag die Sinnhaftigkeit und Spiritualität wiederzufinden, ist für mich die Manifestation von Spiritualität auf Erden. Und führt mich auch nicht von der Erde weg und auch nicht in irgendwelche egofreien, friedvollen Seinszustände, die ich ehrlich gesagt auch jetzt noch gar nicht erreichen möchte. Denn wofür bin ich dann hier? Ich versuche, das Sein MIT Ego zu genießen und mich stückweise voranzuarbeiten. Fertig wird man damit sowieso nie. Und die absolute, lichtdurchflutete, egofreie Einheit genieße ich dann gerne nach meinem Erdenleben 😉

PS: Auch in der Bibel des egofreien Lebens, „Jetzt – Die Kraft der Gegenwart“ von Eckart Tolle findet man bei aufmerksamem Lesen Hinweise dazu.

 

 

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