„Alles geschieht aus einem Grund“ – Wirklich?

Kennt ihr das? Ihr steckt so richtig in der Scheiße und jemand sagt euch „alles geschieht aus einem Grund“? Und ihr wollt einfach nur schreien?

„Es gibt keine Zufälle“, „das ist Schicksal“ und vergleichbare Sätze finde ich gleichermaßen korrekt wie auch bedenklich.

Das Wissen um derartige Zusammenhänge begleitet mich schon mein Leben lang. Und nach etwa 15 Jahren sehr kritischer Beschäftigung mit den Themen Karma und Schicksal bin ich vom Eingebundensein des Menschen in ein größeres Ganzes absolut überzeugt.

Dass Begegnungen und Ereignisse nicht willkürlich stattfinden, sondern ihre Ursache in diesem oder einem früheren Leben haben und der Entwicklung dienen, also „aus einem Grund“ geschehen, glaube ich nicht nur. Ich wage zu behaupten: ich weiß es.

Aber.

Die negativen Seiten von „alles hat seinen Sinn“

Lange Zeit war ich von Menschen umgeben (und bin es teilweise noch), die diese Sätze allerdings missbrauchen. Um sich selbst – oder manchmal auch mir – die Verantwortung für etwas zu entziehen und passiv zu bleiben. Nach dem Motto: ‚es soll wohl so sein, jetzt reg dich nicht auf, das hat schon seinen höheren Sinn‘.

„Alles im Leben geschieht für dich“ ist der kleine Bruder von „alles geschieht aus einem Grund“. Und ja, meist stimmt es rückblickend, dass die größten Krisen die größten Wunder für uns bergen. Für all diejenige, die sich gerne dauerhaft über das Leben beschweren und sich als Opfer der Umstände fühlen, können Erkenntnisse wie diese wahnsinnig gewinnbringend sein.

Sie können aber auch dazu führen, dass man

1. Ärger und Wut unterdrückt (ist ja alles für mich, also darf ich mich nicht aufregen)

2. Passiv bleibt (es hat schließlich alles seinen Sinn, dann soll es wohl so sein)

und damit

3. sich oder andere nicht ernst nimmt.

Unterscheidung zwischen kurzfristig (alles ist doof) und langfristig (aber das ist gut so)

Wenn mir heute in einer Krise jemand als einzigen Support „alles hat seinen Grund“ sagt, fahre ich mindestens innerlich aus der Haut. Das langfristige Bewusstsein von größeren Sinnzusammenhängen ist zwar extrem (!) hilfreich in Krisen. Aber darüber darf das Kurzfristige, die aktuelle Situation, nicht vergessen oder belächelt werden. Es ist sogar unglaublich wichtig, Dinge scheiße finden zu dürfen, zu heulen, einen Wutanfall zu bekommen oder nach Herzenslust zu jammern. Und dann aktiv zu werden und das Ganze anzugehen.

Für mich sind diese Reaktionen, da ich mit „alles hat seinen Sinn“ aufgewachsen bin, die allergrößte Herausforderung. Aber sowas von notwendig. Denn es ist nun mal in dem Moment alles doof und mit Weglächeln oder philosophischen Phrasen kann es passieren, dass du dir selbst signalisierst: „Stell dich nicht so an, deine Gefühle sind unberechtigt“. Und das wiederum kann zu sinnlosen Aushaltetaktiken und viel größerem Kummer führen.

Wenn im Freundeskreis jemand eine Krise hat, bemühe ich mich immer, auf das jetzige Leid einzugehen und zu verstehen, wie die Gefühlslage ist und sie anzunehmen. Nur ganz langsam oder gewissermaßen als „Beilage“ gebe ich dann Hinweise auf möglicherweise bestehende Sinnhaftigkeiten. Schließlich möchte ich, dass meine Freunde sich gesehen fühlen. Und warum sollte ich das mir selbst gegenüber anders handhaben?

Ich möchte dir einfach von Herzen mitgeben: nur weil etwas langfristig FÜR dich ist, oder gar karmisch sinnvoll, musst du es nicht passiv ertragen oder dir verbieten, auch mal nach herzenslust zu meckern 😉

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