Du bist mir zu wenig du selbst – #zeigdich bei Hermann Hesse

Narziss und Goldmund von Hermann Hesse beschreibt eine Freundschaft, in der einer etwas darstellt, um dem anderen zu gefallen. Beide lernen dadurch, wer sie wirklich sind, warum man sich überhaupt verstellt – und dass es überhaupt nichts bringt, sich Ideale überzustülpen, die der eigenen Natur widersprechen.

Narziss ist Novize an einem mittelalterlichen Kloster. Extrem intelligent und gebildet hat er schon früh begonnen, Unterricht an der Klosterschule zu geben. Goldmund, um einiges jünger, sehr ausstrahlungsstark und auf andere Weise klug, kommt an die Schule und bewundert Narziss zutiefst. Er möchte genau so werden. Geprägt von seinem Elternhaus ist er überzeugt, dass der Weg des Gelehrten der seine ist. Mit Fleiß, denkerischem Ehrgeiz und viel Lernerei möchte er den bewunderten Narziss beeindrucken. Voller Glanz will er dem intellektuell-geistigen Weg folgen und dafür bewundert werden. Die beiden werden Freunde – und stets schaut Goldmund zu Narziss auf, eifert ihm nach, möchte ihm gefallen.

Wer bist du, wenn du nicht so sein musst, wie du denkst?

Narziss aber hat die Fähigkeit, Menschen zu sehen und zu verstehen. So, wie sie wirklich sind – durch ihre Masken und all das Erlernte, Konditionierte hindurch. Schnell erkennt er Goldmunds wahres Potenzial, das ein ganz anderes ist, als dieser selbst annimmt. Und welches genau den Gegenpol zum kühlen, trockenen, intellektuellen Typus bildet, den Narziss darstellt. Immer wieder gibt er ihm Hinweise und lässt sich von dem, was Goldmund sein möchte, nicht täuschen. Goldmund verzweifelt, denn er will endlich für all sein Streben und Denken von Narziss anerkannt werden. Eine besonders berührende Szene voll tiefer Weisheit ist die, als Goldmund fragt, warum Narziss ihn und seine Gedanken, seinen Intellektualismus nicht ernst nimmt. Narziss antwortet:

Ich nehme dich ernst, wenn du Goldmund bist. Du bist aber nicht immer Goldmund. Ich wünsche mir nichts anderes, als dass du ganz und gar Goldmund würdest. Du bist kein Gelehrter, du bist kein Mönch — einen Gelehrten oder einen Mönch kann man aus geringerem Holz machen. Du glaubst, du seiest mir zu wenig gelehrt, zu wenig Logiker, oder zu wenig fromm. O nein, aber du bist mir zu wenig du selbst.

Nach seinem Erwachen dank Narziss erfährt Goldmund u.a. in der Natur seine erlebende Künstlerseele.

Selbstunterdrückung und Wiedererwachen

Anfangs versteht Goldmund nicht, was er meint – aber die Gespräche häufen sich. An einem Punkt bricht es unkontrolliert aus Narziss heraus und er offenbart ihm die beiden Pole, die sie repräsentieren: den intellektuell-denkerischen, den typischen Geistigen, und den seelisch reichen Erlebnismenschen, die Künstlerseele. Der zweite, Goldmunds eigentliche Natur, wurde von ihm aufgrund traumatischer Kindheitserfahrungen verdrängt und abgespalten, weil er sie für böse hält.

Die Naturen von deiner Art, die mit den starken und zarten Sinnen, die Beseelten, die Träumer, Dichter, Liebenden, sind uns anderen, uns Geistmenschen, beinahe immer überlegen. Eure Herkunft ist eine mütterliche. Ihr lebet im Vollen, euch ist die Kraft der Liebe und des Erlebenkönnens gegeben. Wir Geistigen, obwohl wir euch andere häufig zu leiten und zu regieren scheinen, leben nicht im Vollen, wir leben in der Dürre. Euch gehört die Fülle des Lebens, euch der Saft der Früchte, euch der Garten der Liebe, das schöne Land der Kunst. Eure Heimat ist die Erde, unsere die Idee. Eure Gefahr ist das Ertrinken in der Sinnenwelt, unsere das Ersticken im luftleeren Raum. Du bist Künstler, ich bin Denker.“

Er erklärt Goldmund auch, woher das kommt – und wie blind er für sich selber ist und für das, was ihn eigentlich auszeichnet. Durch diese Gespräche brechen Goldmunds schmerzhafte Kindheitserinnerungen auf und er kann integrieren, was eigentlich zu ihm gehört. Seiner wahren Natur folgend verlässt er das Kloster. Und er erfährt im Laufe der weiteren Geschichte die Welt immer mehr so, wie es der erlebenden, seelisch reichen Künstlerseele entspricht.

Hesse hat das nicht nur wunderschön in Worte und Bilder gefasst – es ist wie ein Schlüssel zur eigenen Seele – sondern auch so herrlich auf den Punkt gebracht, was Echtsein bedeutet und das wir Menschen dafür eigentlich ein ganz genaues Gespür haben. Dass es überhaupt nichts bringt, sich zu verstellen und Ideale über sich zu stülpen – und dass es schon seinen Sinn hat, dass wir verschieden sind

Ich nehme dich ernst, wenn du Goldmund bist. (..) Du glaubst, du seiest mir zu wenig gelehrt, zu wenig Logiker, oder zu wenig fromm. O nein, aber du bist mir zu wenig du selbst.

 

Übrigens: Zufällig kommt 2020 Jahr ein Spielfilm dieses Werkes heraus. Ich bin so gespannt – und total fasziniert, dass die Hauptdarsteller fast genau so aussehen, wie ich sie mir durch Hesses unglaublich prägnante, lebendige Beschreibungen vorgestellt habe. Hesse scheint viel von sich in Goldmund hineingegeben zu haben. Denn nur wer selbst diesen seelischen Erlebnisreichtum einer Künstlerseele kennt, vermag die Betrachtung der Welt so detailreich und gefühlvoll wiederzugeben und sich einzufühlen in diese Intensität.

Zum Lesen kann ich die Suhrkamp-Ausgabe sehr empfehlen.

Bildquellen: pixabay/pixel2013 und Screenshot von https://www.kino.de/film/narziss-und-goldmund-2020/

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